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Schweizer Bauernkriege

Author: Hans M├╝hlestein
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Andreas Krummenacher, 2008

Die Schweiz sei die älteste Demokratie der Welt. Dies jedenfalls wollen uns Politiker sehr gerne glauben machen. Mit dieser Charakterisierung negieren sie die realen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der alten Eidgenossenschaft. Unterschwellig wird damit auch bestimmt, was erinnert werden soll. Untertanengebiete gehören zum Beispiel nicht dazu. Die Aristokratenherrschaft passt schon gar nicht ins Bild.

1653 zogen Zehntausende Bauern gegen ihre Herren in den Krieg. Aufgrund der Wirtschaftskrise litten die Bauern unter enormen Steuerlasten. Zugleich erfuhren die Kupfermünzen, die Batzen, eine beispiellose Entwertung. Zuvor aber stiessen die gnädigen Herren ihre noch vorhandenen Kupfermünzen-Posten ab. Insidergeschäfte schon damals. Ausbaden mussten die Misere die Untertanen auf dem Land. Politische und soziale Unterdrückung kamen dazu.

Militärisch hatten die Bauern keine Chance. Sie wurden schnell aufgerieben, ihre Anführer hingerichtet. Ihre Leichen liess man am Galgen verfaulen. Hunderte wurden mit Geldstrafen belegt, verbannt, auf die Galeeren verkauft. Die Bauern mussten für die herrschaftlichen Kriegskosten aufkommen. Sie mussten ihre Waffen abliefern, ihre Fahnen und die schriftlichen Dokumente. Fortan war es verboten, über den Bauernkrieg auch nur zu reden.

Kaum war das Ereignis also zu Ende, begann schon der Kampf um die Frage, was denn eigentlich geschehen und was erinnert werden sollte. Alles, was in positiver Weise an den Bauernkrieg hätte erinnern können, wurde verboten und unterdrückt. Erst im 19. Jahrhundert wurde dieses herrschaftliche Deutungsmuster durchbrochen, zuerst nur zaghaft, später radikal durch marxistische Historiker wie Hans Mühlestein. Aus den historischen Quellen lässt er ein packendes Bild der Zeit entstehen. Mit schriftstellerischer Kraft gestaltet er eine fesselnde Chronik des Bauernkampfes. Tatsache ist, dass die offizielle schweizerische Geschichtsschreibung den Bauernkrieg lange vernachlässigt hat. Das obrigkeitliche Redeverbot von 1653 hat also bis in die neuere Zeit hinein gewirkt.

Das Ereignis des Bauernkriegs zeigt beispielhaft auf, wie Erinnerungen und Deutungen von Ereignissen überhaupt funktionieren. Dies ist das herausragende Lehrstück, das uns Mühlestein veranschaulicht. Die Schweiz hat grundlegende Probleme in der Auseinandersetzung mit Geschichte. Weite Teile der Eliten verweigern sich. Wichtige Ereignisse der Schweizer Geschichte sind nicht bekannt. Es sei denn, wir zaubern irgendwelche Legenden aus dem Hut. Die unbequeme Geschichte aber, sie findet nicht statt. Und das hat offenbar Tradition. Mühlestein ist also wertvoll. Historisch und pädagogisch. Er fordert heraus, weil er klar Stellung bezieht. Das ist geschichtswissenschaftlich problematisch. Schon im Vorwort schreibt er, dass er auf der Seite der Bauern stehe. Der linke Mühlestein als Klassenkämpfer. Wie haben wir es mit der Obrigkeit? Wie sieht das Verhältnis heute aus? Gibt es wieder Untertanen? Mühlesteins Positionsbezug ist verständlich. Es ist die nachträgliche Solidarität mit den Unterdrückten. „Das oberste Ziel der Beschäftigung mit Geschichte ist das Verstehen“, sagt der Historiker Marc Bloch. Gleichzeitig warnt er vor dem „Richten“. Es ist ein altes Thema, ob Historiker nur neutral und objektiv sein können. Gemeinhin wird das verneint. Gleichzeitig stehen kühle Sachlichkeit und differenzierte Analyse an erster Stelle. Gefühle haben keinen Platz. Bei Mühlestein allerdings schon. Die Frage, ob sich nachträgliche Solidarität einstellen darf, bleibt je nach Ereignis offen und wird in jeder Generation wieder anders beurteilt. Was aber ist falsch an Solidarität im Nachhinein – mit Unterdrückten, Ausgebeuteten, Verratenen, Entrechteten, Getöteten?



Publisher: Arpa-Info
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